
Wer bin ich?
Eine Einladung, das eigene Sein zu entdecken
Eine scheinbar einfache Frage. Und doch eine Frage, auf die wir vielleicht ein ganzes Leben lang Antworten finden können. Wir sind, wer wir sind, geprägt durch unsere Kindheit, durch unsere Erfahrungen und durch all das, was uns im Laufe unseres Lebens begegnet ist. Menschen, Beziehungen, Erlebnisse und Entscheidungen haben Spuren hinterlassen. Sie haben uns geformt und zu der Person werden lassen, als die wir uns heute kennen.
Doch was ist eigentlich eine Person?
Das Wort „Person“ hat eine interessante Geschichte. Es stammt vom lateinischen persona, das unter anderem die Maske und die dargestellte Rolle im antiken Theater bezeichnete. Und irgendwie passt dieses Bild auch zu unserem Leben.
Denn auch wir tragen Masken. Oder vielleicht ist es treffender zu sagen: Wir nehmen Rollen ein. Wir sind Sohn oder Tochter, Mutter oder Vater, Partnerin oder Partner, Freund oder Freundin. Wir sind Angestellte, Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen. Und darüber hinaus gibt es noch viele weitere Rollen, die wir im Laufe unseres Lebens einnehmen.
Mit jeder dieser Rollen verbinden wir bestimmte Vorstellungen, Erwartungen und Verhaltensweisen. Manche haben wir bewusst gewählt, andere haben wir übernommen, vielleicht schon sehr früh in unserem Leben. Manche Rollen geben uns Halt, Orientierung und Zugehörigkeit. Andere sind uns möglicherweise so vertraut geworden, dass wir gar nicht mehr bemerken, wie sehr wir uns mit ihnen identifizieren.
Doch sind diese Rollen wirklich unser Selbst?
Sind sie das, was wir im Innersten sind?
Oder gibt es etwas, das unabhängig von ihnen erfahren werden kann?
Eine Einladung zur Selbsterforschung
In dieser Meditation möchte ich dich einladen, diesen Fragen auf deine ganz eigene Weise nachzugehen. Es geht nicht darum, deine Rollen abzulegen, um sie für immer loszuwerden. Sie gehören zu unserem Leben. Wir brauchen sie, und viele von ihnen erfüllen wichtige und wertvolle Aufgaben. Vielmehr geht es darum, sie für einen Moment bewusst zu betrachten und vielleicht ein wenig Abstand zu ihnen entstehen zu lassen.
Um zu entdecken, wie es sich anfühlt, wenn du für einen Augenblick nicht Mutter oder Vater, nicht Partner oder Partnerin, nicht Angestellter oder Vorgesetzter sein musst. Wenn du einfach nur da sein darfst. Vielleicht erkennst du dabei auch, dass du deine Rollen nicht nur einnimmst, sondern dass du mitgestalten kannst, wie du sie leben möchtest.
Der Weg dieser Meditation ist einfach und zugleich offen.
Du stellst dir die Frage: Wer bin ich?
Und du lässt dir Zeit. Vielleicht taucht eine Antwort auf. Vielleicht ist es eine Rolle, eine Eigenschaft, eine Erinnerung oder eine Vorstellung von dir selbst. Betrachte das, was sich zeigt. Ohne es zu bewerten. Ohne es verändern zu müssen. Und wenn es sich für dich stimmig anfühlt, lege diese Antwort für einen Moment beiseite. Nicht, weil sie falsch ist. Nicht, weil sie nicht zu dir gehört. Sondern weil du neugierig darauf bist, was darüber hinaus noch da sein könnte.
Dann stelle dir erneut die Frage: Wer bin ich?
Vielleicht zeigt sich eine weitere Rolle. Vielleicht ein Selbstbild, eine Überzeugung oder etwas, mit dem du dich schon lange identifizierst. Auch das darfst du betrachten und, wenn du möchtest, für einen Moment beiseitelegen. So kannst du diesen Weg fortsetzen. In deinem eigenen Tempo, ohne Eile und ohne die Erwartung, irgendwo ankommen zu müssen.
Vielleicht entdeckst du erst im Alltag, welche Rollen du einnimmst. Vielleicht begegnen dir alte Muster, vertraute Erwartungen oder Eigenschaften, die du bisher kaum hinterfragt hast. Auch das gehört zu dieser Entdeckungsreise.
Du musst nicht alles in einer einzigen Meditation erfahren. Vielleicht erstreckt sich deine Selbsterforschung über viele Tage, Wochen oder immer wiederkehrende Momente. Vielleicht kommt irgendwann ein Augenblick, in dem keine weitere Antwort auftaucht. In dem du die Frage „Wer bin ich?“ nicht mehr stellen musst.
Nicht, weil du die endgültige Antwort gefunden hast, sondern weil du für einen Moment nicht mehr nach einer Antwort suchst. Du bist einfach da. Wahrnehmend. Erlebend. Gegenwärtig.
Ich bin.
Und vielleicht braucht es nicht einmal mehr diese Worte.
Der Grund meines Ozeans
Du kannst dir von diesem Zustand dein ganz eigenes Bild machen. Vielleicht ist es ein Ort, ein Gefühl oder einfach eine Erfahrung, für die du keine Worte findest. Für mich ist es der Grund meines tiefen Ozeans. An der Oberfläche kann ein wilder Sturm toben. Der Wind treibt hohe Wellen vor sich her, das Wasser ist aufgewühlt und alles scheint in Bewegung. Doch tief unten, am Grund meines Ozeans, ist es anders.
Hier finde ich Ruhe.
Hier finde ich Frieden.
Der Sturm an der Oberfläche muss dafür nicht verschwinden. Er darf da sein. Und auch die Wellen gehören zum Ozean. Von hier unten kann ich mit einem Lächeln auf das schauen, was sich an der Oberfläche bewegt. Vielleicht erkenne ich von hier aus auch meine Rollen klarer. Die Erwartungen, die ich mit ihnen verbinde, die Verhaltensweisen, die ich übernommen habe, und die Möglichkeiten, die in ihnen liegen.
Und wenn ich wieder auftauche, kann ich diese Rollen bewusst einnehmen. Nicht unbedingt anders als zuvor. Aber vielleicht mit einer neuen Freiheit, sie so zu gestalten, wie ich sie leben möchte. Denn ich bin nicht nur die Rolle, die ich gerade einnehme. Ich muss nicht erst etwas werden, um zu sein.
Deine Meditation – eine Anleitung zum eigenen Entdecken
Finde für deine Meditation einen Ort, an dem du dich wohlfühlst und möglichst ungestört bist.
Nimm dir Zeit. Vielleicht zunächst 15 Minuten, gerne auch länger.
Versuche, dir nichts Besonderes vorzunehmen. Du musst keinen bestimmten Zustand erreichen und keine außergewöhnliche Erfahrung machen.
Es geht nicht darum, etwas zu leisten. Es geht darum, wahrzunehmen und zu entdecken.
Finde eine angenehme Position. Am besten sitzt du aufrecht und zugleich entspannt, gerne auch auf einem Stuhl. Wenn es für dich angenehmer ist, kannst du dich auch hinlegen, sofern du dabei nicht zum Einschlafen neigst.
Wenn es für dich passt, schließe deine Augen. Oder lasse deinen Blick ruhig auf einem Punkt verweilen. Nimm zunächst einige Atemzüge wahr. Spüre, wie dein Atem kommt und geht. Du musst ihn nicht verändern. Lass ihn in seinem eigenen Rhythmus fließen.
Vielleicht bemerkst du, wie du nach und nach mehr bei dir ankommst.
Und dann stelle dir ganz in Ruhe die Frage: Wer bin ich?
Lass die Frage in dir wirken. Vielleicht zeigt sich eine Antwort. Vielleicht auch nicht. Alles darf so sein, wie es gerade ist.
Wenn eine Antwort auftaucht, betrachte sie einen Moment und lege sie, wenn du möchtest, behutsam beiseite.
Dann frage dich erneut: Wer bin ich?
Lass dir Zeit zwischen den Fragen. Vielleicht werden die Antworten weniger. Vielleicht tauchen immer neue auf. Vielleicht bemerkst du Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen. Du musst nichts davon festhalten und nichts davon wegschieben. Wenn eine Rolle oder eine Antwort sich gerade nicht ablegen lässt, darf auch sie bleiben. Kehre immer wieder zu deinem Atem und zu deiner Wahrnehmung zurück.
Und vielleicht kommt irgendwann ein Moment, in dem du nicht mehr fragen möchtest. Ein Moment, in dem du einfach nur wahrnimmst. Ohne etwas benennen zu müssen. Ohne etwas erreichen zu wollen.
Einfach nur sein.
Bleibe, solange es sich für dich gut anfühlt, bei dieser Erfahrung. Wenn du deine Meditation beenden möchtest, nimm wieder bewusst deinen Körper wahr. Spüre den Kontakt zum Boden oder zu deiner Sitzfläche, höre die Geräusche um dich herum und öffne, wenn du möchtest, langsam deine Augen. Nimm dir noch einen kleinen Moment, bevor du in deinen Alltag zurückkehrst.
Eine Einladung, die bleibt
Vielleicht kommst du bei deinen ersten Meditationen nicht an den Punkt, den du dir vorgestellt hast.
Vielleicht entdeckst du jedes Mal etwas anderes.
Vielleicht gibt es Tage voller Gedanken und andere, an denen du eine besondere Ruhe erlebst.
All das darf Teil deiner Erfahrung sein. Mit der Zeit wird dir die Frage „Wer bin ich?“ vielleicht vertrauter. Und möglicherweise wird sie dich auch außerhalb deiner Meditation begleiten. Nicht als eine Frage, auf die du unbedingt eine Antwort finden musst.
Sondern als eine Einladung, dich immer wieder neu wahrzunehmen. Deine Rollen bewusst zu leben, ohne dich vollständig in ihnen zu verlieren.
Und dir zwischendurch Augenblicke zu erlauben, in denen du nichts darstellen, nichts erklären und nichts werden musst.
Augenblicke, in denen du einfach nur bist.
In kürze findest du auch eine Audiovision dieser Meditation.

